Minderwerte Implantate nicht nur aus Frankreich

Der Skandal um die Brustimplantate: Noch eine Firma hat sie vertrieben

Von Montserrat Manke

Wesseling. Es war sein Riecher, der das Dreifaltigkeits Krankenhaus vor einem großen Unglück bewahrte: Anfang 2000 wurde Dr. Dirk Richter, Chef der Plastischen Chirurgie, misstrauisch, als die Firma PIP mit reißerischen E-Mails ihre Brustimplantate zum Schlagerpreis von 199 Euro das Stück angeboten habe. "Das ist in der Medizin vollkommen unüblich, Angebote mit dem Preis zu beginnen. Die ganze Art und Weise, der das kam mir total unseriös vor", sagte der 43-Jährige bei einer groß angelegten Pressekonferenz in der Cafeteria des Hospitals. Richter wich auf andere Implantate aus, auch weil diese anatomischer geformt waren.

Groß war das Medieninteresse an dem Thema, und als erstes wurde den Journalisten von Print, Hörfunk und Fernsehen deutlich gemacht, dass in den Wesselinger Operationssälen eben keine mit minderwertigem Silikon versehenen Brustimplantate der bankrotten französischen Firma verwendet worden seien: "In unserem Krankenhaus wurden von 1993 bis 1999 Implantate der Firma PIP bezogen und bis Anfang 2000 verwendet. Nach dem heutigen Stand der Ermittlungen der französischen Behörden können wir ausschließen, dass unsere Patientinnen PIP Implantate erhalten haben, die mit Industriesilikon verunreinigt wurden" heißt es in der offiziellen Pressemitteilung.

Doch als eigentlichen Hauptgrund für die eilig anberaumte Pressekonferenz nannte Richter, der auch Vorsitzender des Komitees für Patientensicherheit und im Vorstand des weltweit größten Mitgliederverbandes für ästhetisch plastische Fachärzte ist, die Tatsache, dass die niederländische Firma ROFIL, die ebenfalls bankrott sei, genau dieselben PIP-Implantate verwendet habe, nur unter dem Namen "M-Implantat".

"Das weiß kaum jemand, aber es sind ähnlich viele Implantate wie die von PIP verwendet worden. Die Frauen schauen in ihren Implantatpass, sehen als Herstellungsort Holland und sind beruhigt", so Richter, der übrigens weltweit als Experte auf dem Gebiet der plastischen Chirurgie gelte, wie Hospital Chef Prof. Dr. Johannes Güsgen ausführte.

Das dürften dann so an die 100 000 pro Jahr gewesen sein, denn so viel habe PIP weltweit per Anno auf den Markt geworfen. Viele davon in den Ostblock: Tschechien, Ungarn, Polen. Hier bekommt man Schönheits-OP's zu Schlagerpreisen und Menschen die nach solchen "Billig-OP's" Komplikationen haben, würden wöchentlich in Wesseling vorstellig.

Täglich hingehen und das im 24-Stunden-Takt melden sich seit einer Woche betroffene Frauen - und zwar aus ganz Deutschland, und beileibe nicht nur die, die in Wesseling operiert wurden: In der letzten eilig eingerichteten Sondersprechstunde kamen über 30 Frauen, und für alle wurde ein Operationstermin vereinbart. Dabei möchte nicht eine auf neue Implantate verzichten, weiß Dr. Richter zu berichten: "Die dadurch gewonnene Lebensqualität ist so enorm, das möchte keine der Betroffenen wieder aufgeben".

Seit Jahresbeginn wurden bislang vier Frauen defekte Implantate entfernt - eines davon hatte Dr. Richter zur Pressekonferenz gut eingeschweißt mitgebracht: An einer Seite quoll das weiche Silikon heraus. "Es fühlt sich an wie ein aufgeweichtes Gummibärchen", so der Chefarzt.

Aber wer bezahlt die erneute etwas 4000 Euro teure Operation? Für Patienten mit medizinischer Notwendigkeit - etwa Brustkrebs - ist der Fall klar: Die Kasse kommt auf, auch für neue Implantate. Bei kosmetischen Operationen gehe die Kasse in Vorleistung, hole sich aber 50 Prozent der Kosten bei der Patientin wieder.

Und: Neue Implantate werden nicht bezahlt. Diese etwa 1000 Euro müssen die Frauen selber aufbringen. Die Versicherung der Firma PIP würde nur aufkommen, wenn nicht in betrügerischer Absicht gehandelt worden wäre, aber: "Das was da in Frankreich passiert ist, das war in höchstem Maße gewollt und absolut kriminell", erklärte Güsgen.

Letzte Änderung: Montag, 16.01.2012 13:21 Uhr

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